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Rückblick Regionalforum Bildungsland Sachsen-Anhalt 2035

4 Minuten Lesezeit

Ein paar Gedanken zu dieser Veranstaltung, zu diesem Format.

Es war eine gelungene Veranstaltung, ein wunderbarer Auftakt, der den notwendigen partizipativen Ansatz deutlich machte, mit dem das Bildungsministerium unter Jan Riedel die Prozesse angeht.
Aber eben das muss es sein. Ein Auftakt für den Prozess, der sich anschließen soll und der in Dessau zum Regionalforum Bildungsland Sachsen-Anhalt 20235 durch den Bildungsminister angekündigt wurde. Ziel muss nicht weniger als eine strukturelle Veränderung des Bildungssystems sein.
Diese strukturelle Veränderung wurde mir persönlich in der Veranstaltung noch zu wenig thematisiert. Sie fand sich angelegt in den Workshop-Formaten, wurde dort sicherlich auch punktuell angesprochen.

Ich persönlich war in dem Workshop zur Kultur der Digitalität. Wir haben uns in diesen zwei Runden sowohl innerhalb der Verwaltung als auch in Diskussionen mit Schulleitungen, Politik, und NGOs über Prüfungsformate, KI, Unterrichtsabläufe und das Schulsystem allgemein ausgetauscht.
Es war ein Autausch vieler Ideen von Interessierten und motivierten Personen auf allen Ebenen im Bildungssystem. Es ist eine große Kraft für Veränderungen zu spüren gewesen sowie auch der Wunsch, diese Veränderungen zu starten und zu gestalten.
Allerdings habe ich Bedenken, dass, wenn nicht ein wirkliches Verständnis der Kultur der Digitalität die Basis der Überlegungen und des Handelns bildet, wir in einer digitalisierten Analogität stecken bleiben.

Wir müssen unbedingt vermeiden, dass wir neue Ressourcen in ein altes System investieren, um damit dieses alte System am Laufen zu halten. Damit ist keinem geholfen. Was wir brauchen, sind wirkliche Veränderungen der Struktur in unserem Bildungssystem. Und das beginnt mit einem Verständnis der Kultur der Digitalität.

Die Merkmale der Kultur der Digitalität nach Stalder (2016) Referenzialität, Algorithmizität und Gemeinschaftlichkeit spielen in Unterricht, in Schule eine noch zu geringe Rolle.
Die Algorithmizität hält gerade Einzug und verstärkte Beachtung - um den Begriff Hype nicht zu bemühen - durch die Diskussion um die KI-Tools. KI beschleunigt die Notwendigkeit zur Transformation, Veränderungen lassen sich nicht aufschieben. Es wird immer deutlicher, dass es nicht mit einer Evolution getan ist, sondern der Ruf nach einer Bildungsrevolution an Dringlichkeit gewinnt.
Mit beiden weiteren Merkmalen der Kultur der Digitalität nach Stalder (2016) tun wir uns im Kontext schulischer Bildung sehr schwer - mit Referenzialität und Gemeinschaftlichkeit. Diese Grundprinzipien, die den Unterricht, die Lehr- und Lernprozesse bestimmen sollten (eigentlich schon sehr lange sollten sie den Kern des Lernens bilden), sind so in der DNA des Schulsystems aus dem Industriezeitalter nicht angelegt. Hier sehe ich großen Handlungsbedarf. Und hier müsste dieser strukturellen Wand einsetzen.

Veränderungen sollten natürlich das Gesamtsystem betreffen. (Aber wir müssen ja irgendwo beginnen😉)
Startpunkt mit einem großen Potenzial für wirkliche Veränderungen ist meiner Meinung nach eine Überarbeitung und flächendeckende Bewusstmachung der Änderung von Prüfungsformaten. Den Prüfungen und Bewertungen am Ende der Bildungskette, die einen Abschluss sowohl für die Schülerinnen und Schüler darstellen als auch für Eltern und Lehrkräfte entscheidende Indikationen darstellen, kommt eine grundlegende Bedeutung für das Bildungssystem zu.
Solange wir am Ende der Bildungslaufbahn der Kinder und Jugendlichen ein Prüfungsformat haben, das auf den alten Bildungshaltungen und Einstellungen des Industriezeitalters beruht, werden wir Teaching to the Test betreiben (und zwar verständlicherweise getrieben von allenbeteiligten Akteuren) und es wird nicht wirkliche Veränderungen im System geben.
Haben wir am Ende der Bildungslaufbahn aber ein Prüfungsformat, das die Lernergebnissen generell neu definiert, nämlich in Richtung Kompetenznachweise zu verschiedenen Zeitpunkten, eher ein Portfolio als ein Abfragen zu bestimmten Zeitpunkten, nicht eine Vergleichbarkeit untereinander, sondern ein Sichtbarmachen der individuellen Leistungen, dann haben wir auch eine gute Basis, genau in diese Richtung über die gesamte Lernzeit der Schülerinnen und Schüler hinweg zu arbeiten, wenn wir über die Grundstrukturen von Lernen nachdenken.

Es wurde in der Veranstaltung durch Michael Stage auch eine Neudefinition des Bildungsbegriffs angesprochen. Das unterstütze ich sehr und würde es in Bezug auf Schule spezifizieren auf ein neues Verständnis von Lernen.
Wenn wir (als Bildungsinteressierte und -gestaltende und partizipativ mit den Lernenden) definieren, was Lernen bedeutet, dann werden wir zu der Erkenntnis kommen, dass es ein sehr individueller Prozess ist, der sich nicht vergleichen lässt mit einer in die Gedanken der Kinder einzufüllenden Wissensmenge, die zu einem Zeitpunkt X wieder abgerufen kann. Es geht um Bildung und Erziehung im weitesten Sinne, um Kompetenzen. Um fit machen für ein erfolgreiches, zufriedenes Leben, um ein Fit machen für ein Einbringen in gesellschaftliche Prozesse, für eine Kultur, eine Haltung, die geprägt ist von Wertschätzung, von Anerkennung, von kritischem Denken, von Hinterfragen von Prozessen, aber auch von Diskussionen mit Respekt, Wertschätzung und Anstand. Dies alles sind wichtige Punkte, die, glaube ich, Konsens in der Gesellschaft finden und schon gefunden haben, die aber im Moment in Schule noch eine zu geringe bis gar keine Rolle spielen, zumindestens im Prüfungsformat. Und dies ist prägend für den gesamten Unterrichts- und Bildungsprozess.